Weltraumqualle über Florida: Warum beim Start von CRS-35 vor Sonnenaufgang eine Wolke leuchtete
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Am 13. Oktober um 10:33 UTC, etwa 50 Minuten vor Sonnenaufgang, hob in Florida eine Falcon 9 mit Fracht für die Internationale Raumstation ab. Am Boden war es noch dunkel, doch als die Rakete stieg, gelangten ihre Abgase ins Sonnenlicht und breiteten sich als leuchtende „Weltraumqualle“ über den Himmel aus.
Eine leuchtende Wolke am dunklen Himmel
CRS-35, die 35. Frachtmission von SpaceX für die NASA, startete am Dienstag, dem 13. Oktober 2026, vom Space Launch Complex 40 in Cape Canaveral. An der Startrampe stand die Sonne noch etwa 11,5° unter dem Horizont; bis zum Sonnenaufgang waren es rund 50 Minuten.
Während die Rakete stieg, blähte sich ihre Abgasfahne vor dem noch dunklen Himmel zu einer hellen, durchscheinenden Kuppel mit langem Schweif auf. Zu sehen war sie weit über Florida hinaus: Space.com veröffentlichte ein Foto aus Colbert in Georgia, und FOX Carolina berichtete von Sichtungen im Upstate, dem Nordwesten von South Carolina. Laut Space.com war sie für Millionen sichtbar — eine pauschale Angabe, keine Zählung.
Warum die Abgase leuchten, während es am Boden dunkel ist
Steht die Sonne unter dem Horizont, liegt der Boden im Erdschatten, die Luft hoch darüber aber im Sonnenlicht. Das Kennedy Space Center der NASA erklärt es knapp: Eine solche Qualle entsteht in der Morgen- oder Abenddämmerung, wenn die Abgasfahne hell angestrahlt wird. Meist zeigt sich das Schauspiel 30 bis 60 Minuten vor Sonnenaufgang oder nach Sonnenuntergang; CRS-35 startete etwa 50 Minuten vor Sonnenaufgang.
Nach unserer eigenen geometrischen Rechnung war beim Start über der Startrampe erst die Luft ab etwa 130 km Höhe sonnenbeschienen — tatsächlich lag die Grenze etwas höher, weil die dichte untere Atmosphäre streifend einfallendes Licht abschwächt. Die Rakete flog nach Nordosten auf den Ozean hinaus, dem heller werdenden Osthimmel entgegen. Dort lag der Rand des Erdschattens tiefer, und so begannen die Abgase zu leuchten, sobald die Rakete die sonnenbeschienene Schicht erreicht hatte.
Ihre Form verdankt die Erscheinung der dünnen Luft. In Bodennähe hält der Luftdruck die Abgase in einer schmalen Spur zusammen; weit oben ist der Druck so gering, dass sich das Gas wie ein Ballon aufbläht. Laut Pål Brekke vom Universitätszentrum auf Svalbard (UNIS) beginnt der Effekt in der Mesosphäre, in etwa 80 bis 90 km Höhe, wo sich die Abgase ausdehnen, kondensieren und rasch gefrieren. Das Aufblähen setzt also schon unterhalb der Schattengrenze ein und geht weiter, während die Rakete steigt; leuchten kann nur der Teil, der bereits ins Sonnenlicht aufgestiegen ist.
Was wir sehen, ist vor allem Eis. Nach Ari-Matti Harri vom Finnischen Meteorologischen Institut besteht eine solche helle Spur überwiegend aus gefrorenem Wasserdampf; die farbigen Streifen darin stammen aus der Chemie des Treibstoffs. Das Leuchten stammt also von den sonnenbeschienenen Eiskristallen.
Schon gewusst?Manches bleibt offen: Fotos zeigen weiße, blaue, rosa und orangefarbene Abgasfahnen in unterschiedlichen Formen, doch über den allgemeinen Zusammenhang mit der Chemie des Treibstoffs hinaus haben wir keine Fachquelle gefunden, die eine bestimmte Farbe oder Form einer bestimmten Ursache zuordnet.
Was die Rakete an Bord hatte
CRS-35 flog im Rahmen des NASA-Vertrags „Commercial Resupply Services“, über den Firmen dafür bezahlt werden, Vorräte und Experimente zur Station zu bringen. Die Dragon-Kapsel hatte mehr als 2.850 kg (6.300 US-Pfund) geladen:
- Solarflügel: das vierte und letzte Paar der ausrollbaren iROSA-Solarflügel von Redwire, verstaut im drucklosen Laderaum („Trunk“); jeder Flügel ist für mehr als 20 kW Leistung ausgelegt.
- Forschung: mehr als 40 Experimente, darunter LambdaVision-1 (künstliche Netzhäute), Stellar Spheroids (3D-Herzgewebe), ELF-Unconventional Glass 2 (Glas aus Elementen, die schwerer sind als Silizium und Sauerstoff im gewöhnlichen Quarzglas) und MINDS, ein Experiment, das mit Hirnorganoiden Alzheimer, Parkinson und multiple Sklerose untersucht.
- Ersatzteile: Bauteile für den Roboterarm Canadarm2 sowie ein schützender, aufklappbarer Behälter („Clamshell“), in dem ein defektes Armgelenk zur Erde zurückkehren soll; das Gelenk war bei einem Außenbordeinsatz am 30. Juni ausgebaut worden.
- Ausrüstung: eine Dosierpumpe für die Toilette; Sensoren, die dort die Qualität der Flüssigkeit zur Urinvorbehandlung prüfen; ein Robotikwerkzeug sowie ein faltbares Urinal, das für die Mission Artemis III erprobt wird.
Die Dragon-Kapsel C211 flog zum vierten Mal. Die erste Stufe B1096 absolvierte ihren achten Flug und landete auf der Landing Zone 40 neben der Startrampe; ihr Überschallknall hallte über die Space Coast.
Am 15. Oktober um 14:27 UTC koppelte die Dragon-Kapsel früher als geplant an dem von der Erde abgewandten Kopplungsstutzen des Moduls Harmony an; die Station befand sich zu diesem Zeitpunkt etwa 400 km über Südafrika. Die Kapsel soll bis Mitte November bleiben und danach vor der Küste Kaliforniens wassern.
Frühere Quallen, Blasen und Spiralen
- 9. Dezember 2009, Norwegen: Über Nordnorwegen und Nordschweden stand etwa zehn Minuten lang eine Spirale am Himmel. Russland räumte einen gescheiterten Test der Bulawa-Rakete ein; der Astrophysiker Jonathan McDowell vermutete, eine beschädigte Düse habe die dritte Stufe in Drehung versetzt — bestätigt wurde das nie.
- Oktober 2017, über Sibirien: Das russische Verteidigungsministerium führte eine leuchtende „Blase“ am Himmel auf eine Topol-M-Rakete zurück. Sie war von Plessezk im Norden des europäischen Russlands aus in Richtung des Raketentestgeländes Kura auf Kamtschatka abgefeuert worden; ihre Flugbahn führte über Sibirien.
- 22. Dezember 2017, Kalifornien: Ein Start mit Iridium-Satelliten von Vandenberg aus, etwa 30 Minuten nach Sonnenuntergang, war bis nach Phoenix zu sehen, und die Feuerwehr von Los Angeles gab eine Erklärung zu dem „mysteriösen Licht“ heraus.
- 6. Mai 2022, Florida: Ein Starlink-Start vor Tagesanbruch war bis nach Savannah in Georgia zu sehen.
- 2. Mai 2024, Estland: Während viele auf Polarlichter warteten, erschien eine leuchtende Spirale am Himmel. Abgase eines Starts waren das nicht: Nach Einschätzung estnischer Fachleute war es höchstwahrscheinlich eine SpaceX-Oberstufe im Orbit, die sich langsam drehte und dabei am Ende ihrer Mission Treibstoffreste abließ.
- Nacht vom 16. auf den 17. April 2026, Finnland: Eine von Plessezk gestartete Sojus-Rakete erhellte den Nachthimmel und löste mehrere Notrufe aus; gesehen wurde sie nahe der finnischen Ostgrenze sowie in Kuopio und Seinäjoki, außerdem in Norwegen und im schwedischen Umeå.
War die Qualle auch in Europa zu sehen?
Nein, und zwar aus zwei Gründen. Erstens die Entfernung: Florida liegt mehrere Tausend Kilometer von Europa entfernt, und selbst ein Objekt in 400 km Höhe – so hoch wie die Raumstation – steht für jeden Beobachter, der weiter als rund 2.200 km davon weg ist, unter dem Horizont — und die Abgase waren niedriger. Zweitens war es um 10:33 UTC in ganz Europa bereits Tag, und eine Qualle zeigt sich nur, wenn eine sonnenbeschienene Abgasfahne vor dunklem Himmel steht.
So siehst du selbst eine Weltraumqualle
- Zeitpunkt: Achte auf Starts in der letzten Stunde vor Sonnenaufgang oder der ersten nach Sonnenuntergang.
- Startpläne: Die Raumfahrtunternehmen veröffentlichen geplante Startzeiten, doch Termine verschieben sich oft — schau am Tag selbst noch einmal nach.
- Richtung: Schau zum Startplatz und entlang der Flugbahn. Aus einigen Hundert Kilometern Entfernung steht die Abgasfahne recht tief, breitet sich aber weit aus und kann lange am Himmel bleiben.
- In Nordeuropa: Manche Starts von Plessezk sind von Finnland aus zu sehen, und eine Oberstufe im Orbit, die Treibstoff ablässt, kann ganz ohne Vorwarnung auftauchen — so geschehen 2024 über Estland.
Quellen und Lizenzen
- NASA, SpaceX Dragon lifts off (13. Oktober 2026) — Startzeit, Startrampe, Vertrag „Commercial Resupply Services“, 35. Mission von SpaceX, Frachtmasse, Start an einem Dienstag. https://www.nasa.gov/blogs/spacestation/2026/10/13/spacex-dragon-lifts-off-for-thursday-cargo-delivery/
- NASA, SpaceX Dragon docks with science, supplies and roll-out solar arrays (15. Oktober 2026) — Zeitpunkt der Ankopplung und Kopplungsstutzen, letztes Paar ausrollbarer Solarflügel, Verbleib bis Mitte November und Wasserung vor Kalifornien. https://www.nasa.gov/blogs/spacestation/2026/10/15/spacex-dragon-docks-with-science-supplies-and-roll-out-solar-arrays/
- NASA, Crew unpacks Dragon (16. Oktober 2026) — Entladen der Kapsel und Beginn der Experimente. https://www.nasa.gov/blogs/spacestation/2026/10/16/crew-unpacks-dragon-and-begins-activating-new-science-experiments/
- Spaceflight Now, Vorbericht und Startbericht (13. Oktober 2026) — Frühere Flüge der Dragon C211, achter Flug und Landung der Erststufe B1096 auf LZ-40, viertes und letztes iROSA-Paar und seine Leistung, mehr als 40 Experimente, Ersatzteile für Canadarm2. https://spaceflightnow.com/2026/10/13/live-coverage-nasa-spacex-to-launch-new-solar-arrays-6300-pounds-of-cargo-to-the-space-station/ und https://spaceflightnow.com/2026/10/13/spacex-launches-nasa-science-and-cargo-to-the-international-space-station/
- Space.com, Berichte über Start, Qualle und Ankopplung von CRS-35 — Erklärung der Qualle durch das Kennedy Space Center der NASA, Foto aus Colbert in Georgia, die Angabe „visible to millions“, Einzelheiten zur Ankopplung. https://www.space.com/space-exploration/international-space-station/spacex-crs-35-cargo-launch-international-space-station , https://www.space.com/space-exploration/launches-spacecraft/spacex-rocket-launch-creates-incredible-space-jellyfish-visible-throughout-us-east-coast-photos und https://www.space.com/space-exploration/launches-spacecraft/spacex-crs-35-iss-cargo-mission-docking
- FOX 35 Orlando und FOX Carolina — Namen der Experimente und Erprobung für Artemis III; Sichtungen im Upstate von South Carolina. https://www.fox35orlando.com/news/nasa-spacex-crs-35-launch und https://www.foxcarolina.com/2026/10/13/spacex-launch-spotted-upstate-skies-early-tuesday/
- UNIS, Twilight effect from a rocket (22. Dezember 2023) — Pål Brekke: Der Effekt beginnt in der Mesosphäre in etwa 80–90 km Höhe, die Abgase dehnen sich aus, kondensieren und gefrieren. https://www.unis.no/news/twilight-effect-from-a-rocket/
- Wikipedia (englisch), Twilight phenomenon und 2009 Norwegian spiral anomaly — Das übliche Zeitfenster von 30–60 Minuten; die Spirale über Norwegen, der Bulawa-Test und die vorgeschlagene Erklärung. https://en.wikipedia.org/wiki/Twilight_phenomenon und https://en.wikipedia.org/wiki/2009_Norwegian_spiral_anomaly
- Frühere Sichtungen — Iridium-Start 2017: https://www.npr.org/sections/thetwo-way/2017/12/23/573194940/spacex-rocket-launch-lights-up-the-california-sky-freaks-out-some-residents und https://space.com/39200-spacex-rocket-launch-not-ufo-spectactular-photos.html ; Sibirien 2017: https://www.space.com/38593-glowing-bubble-over-siberia.html ; Starlink 2022: https://news4jax.com/tech/2022/05/06/did-you-see-it-early-morning-rocket-launch-had-some-viewers-rattled ; Estland 2024: https://news.err.ee/1609331910/mysterious-glowing-spiral-over-estonian-skies-likely-spacex-rocket-debris ; Finnland 2026 und Ari-Matti Harri zum gefrorenen Wasserdampf: https://yle.fi/a/74-20221102
- JPL Horizons (NASA/JPL) — Höhe der Sonne an der Startrampe um 10:33 UTC (−11,5°, ohne Refraktion) und Zeitpunkt des Sonnenaufgangs dort, berechnet am 18. Oktober 2026. Die Höhe des Erdschattens über der Startrampe und die Horizontentfernung aus 400 km Höhe sind unsere eigenen Berechnungen. https://ssd.jpl.nasa.gov/horizons/



