90 Jahre JPL: Vom Raketentest im Flussbett zu den Voyager-Sonden und zum Mars
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Am 31. Oktober 1936 zündeten einige Studenten des Caltech und zwei Raketenbegeisterte aus dem kalifornischen Pasadena im Arroyo Seco, einem trockenen Flussbett nördlich des Footballstadions Rose Bowl, einen kleinen Raketenmotor. Auf diesen Tag führt das Jet Propulsion Laboratory (JPL) der NASA seine Gründung zurück.
Vier Versuche an Halloween
Im Mittelpunkt der Gruppe stand Frank Malina, Doktorand bei Theodore von Kármán, dem Leiter des Guggenheim-Labors für Luftfahrt am Caltech. Der Sprengstoffexperte Jack Parsons, ein Autodidakt, und der geschickte Mechaniker Ed Forman bauten bereits eigene Raketen. Die drei bildeten den Kern jener Truppe, die auf dem Campus später den Spitznamen „Suicide Squad“ („Selbstmordkommando“) erhielt. Von Kármán verlangte von ihnen, die Leistung eines Motors zu messen, statt einfach Raketen zu starten. Also bauten sie, großenteils aus Schrottteilen, einen mit Messgeräten bestückten Versuchsmotor, der mit Methylalkohol und Sauerstoff betrieben wurde.
In den Arroyo Seco wichen sie aus, weil das Caltech auf dem Campus keine Brände und Explosionen duldete. Dreimal erlosch die Zündschnur. Erst beim vierten Versuch zündete der Motor — doch auch der Sauerstoffschlauch fing Feuer und peitschte brennend über den Boden, während das Team davonrannte. Die Sandsäcke boten Schutz; niemand wurde verletzt. Nach Angaben des JPL brannte der Motor etwa drei Sekunden; Schubwerte wurden nicht aufgezeichnet. Mit einer Zündkerze anstelle der Zündschnur gelangen dem Team am 15. November die ersten Schubmessungen.
Von Raketen für die Armee zum Labor der NASA
1939 fand die Gruppe einen Auftraggeber: Auf Bitten des Chefs des Army Air Corps, der damaligen Luftstreitkräfte des US-Heeres, finanzierte ein Ausschuss der National Academy of Sciences die Entwicklung von Raketen, die Flugzeugen den Start von kurzen Pisten erleichtern sollten. In einem Vorschlag an die Armee für eine amerikanische Antwort auf die deutsche V2 nannte sich das Team 1943 zum ersten Mal Jet Propulsion Laboratory.
Seit wann gibt es das JPL also? 1936 gab es weder ein Labor noch einen Namen, nur ein Studentenprojekt. Offiziell hieß das Labor „Jet Propulsion Laboratory“ erst ab Juni 1944, als das für Waffen und Munition zuständige Ordnance Corps der Armee die Finanzierung übernahm. Das JPL selbst lässt seine Geschichte mit dem ersten Versuch beginnen.

Am 1. Februar 1958 um 3:48 Uhr UTC — in den USA war noch der 31. Januar — brachte eine Jupiter-C-Rakete der US-Armee Explorer 1 ins All, den ersten Satelliten der USA. Das JPL hatte ihn entworfen und gebaut und übernahm auch den Betrieb. An Bord war ein Detektor für kosmische Strahlung, den der US-Physiker James Van Allen beigesteuert hatte. Das Gerät zählte weniger Teilchen als erwartet. Van Allen deutete das als Zeichen dafür, dass im Erdmagnetfeld gefangene Strahlung den Detektor überlastete. Ein zwei Monate später gestarteter Satellit bestätigte die Existenz der Strahlungsgürtel, die heute Van-Allen-Gürtel heißen. Am 3. Dezember 1958 wechselte das JPL von der Armee zur neuen zivilen Raumfahrtbehörde NASA. Bis heute betreibt das Caltech das Labor im Auftrag der NASA.
Pionierleistungen im All
Am 14. Dezember 1962 flog Mariner 2 an der Venus vorbei und schickte als erste Raumsonde Daten von einem anderen Planeten zur Erde. Die im August 1977 gestartete Voyager 2 besuchte als erste Sonde alle vier Riesenplaneten; ihre Planetentour endete 1989 am Neptun. Am 25. August 2012 verließ ihre Schwestersonde Voyager 1 als erste Raumsonde die Heliosphäre — die Blase, die der Sonnenwind um die Sonne und ihre Planeten bildet.
Mars Pathfinder landete am 4. Juli 1997 und setzte Sojourner ab, den ersten Rover, der auf dem Mars fuhr. 2021 gelang dem Hubschrauber Ingenuity der erste gesteuerte Motorflug auf einem anderen Planeten; insgesamt flog er 72-mal. Die am 14. Oktober 2024 gestartete Sonde Europa Clipper soll im April 2030 den Jupiter erreichen und Europa erforschen, einen Mond, unter dessen Eiskruste ein salziger Ozean vermutet wird.
Wie es weitergeht
Voraussichtlich am 18. November 2026 erreicht Voyager 1 eine Entfernung von einem Lichttag zur Erde, rund 26 Milliarden Kilometer: Ein Befehl, der an diesem Tag abgeschickt wird, ist 24 Stunden zur Sonde unterwegs. Mit keinem optischen Teleskop lässt sie sich beobachten; die einzige Verbindung läuft über die großen Antennen des Deep Space Network der NASA. Mit dem Aufbau dieses Netzes begann das JPL 1958, offiziell gegründet wurde das Netz 1963.
Als Nächstes plant das JPL unter anderem SkyFall, eine Mission, die 2028 starten und beim Abstieg durch die Marsatmosphäre drei Hubschrauber absetzen soll, um Eis im Untergrund zu kartieren; MoonFall, eine Mission mit raketengetriebenen Drohnen, die nahe dem Südpol des Mondes landen sollen; SunRISE, sechs Kleinsatelliten, die 2027 starten und im Formationsflug wie eine einzige Radioantenne zusammenarbeiten und so die Sonne erforschen sollen; schließlich NEO Surveyor, ein Weltraumteleskop für die Suche nach Asteroiden.
Das Jubiläum fällt in eine schwierige Zeit: Nach zwei Entlassungswellen im Jahr 2024 baute das JPL im Oktober 2025 rund 550 weitere Stellen ab und verwies dabei auf die angespannte Haushaltslage.
Quellen und Lizenzen
- NASA, NASA JPL Looks to Next 90 Years of Innovation, Exploration (21. Oktober 2026) — Daraus: der erste Versuch am 31. Oktober 1936 im Arroyo Seco, der Betrieb des JPL durch das Caltech im Auftrag der NASA, Explorer 1 im Jahr 1958 und der Wechsel zur NASA im selben Jahr, die ersten Besuche bei allen vier Riesenplaneten, die ersten Rover, die auf dem Mars fuhren, die Entfernung von einem Lichttag, die Voyager 1 am 18. November erreicht (26 Milliarden km) sowie SkyFall, MoonFall, SunRISE und NEO Surveyor. https://www.nasa.gov/centers-and-facilities/jpl/nasa-jpl-looks-to-next-90-years-of-innovation-exploration/
- JPL, History — Daraus: die Gründergruppe, der Vorschlag von 1943, in dem der Name zum ersten Mal auftaucht, die Finanzierung durch das Ordnance Corps, die Zusammenarbeit mit der Army Ballistic Missile Agency bei Explorer 1, der Wechsel zur NASA am 3. Dezember 1958 und Mariner 2 als erste Raumsonde, die an einem anderen Planeten vorbeiflog und Daten lieferte. https://www.jpl.nasa.gov/who-we-are/history/
- Erik M. Conway (Historiker des JPL), From Rockets to Spacecraft, Caltech Engineering & Science Nr. 4, 2007 — Daraus: der Spitzname „Suicide Squad“, Parsons und Forman, von Kármáns Beharren auf Messungen, der Versuchsaufbau aus Schrottteilen, warum die Versuche vom Campus verlegt wurden, die drei erloschenen Zündschnüre und der brennende Sauerstoffschlauch, keine Schubwerte am ersten Tag, die Zündkerze und die ersten Schubmessungen am 15. November, die Finanzierung der Starthilfe-Raketen 1939 auf Bitten des Chefs des Army Air Corps über die National Academy of Sciences und der offizielle Name ab Juni 1944. https://calteches.library.caltech.edu/702/2/Spacecraft.pdf
- JPL, The Spark of a New Era (2017 aktualisierte Fassung eines Beitrags von 2011) — Daraus: die sieben Beteiligten am ersten Versuch, der Ort rund fünf Kilometer (drei Meilen) nördlich des Rose-Bowl-Stadions, Alkohol und Sauerstoff als Treibstoffkomponenten aus Druckflaschen und die Brenndauer des Motors von etwa drei Sekunden. https://www.jpl.nasa.gov/news/the-spark-of-a-new-era/
- JPL, Slice of History: The First Rocket Motor Firing (30. Januar 2026) — Daraus: das Titelfoto und die zugehörige Beschreibung des Versuchsplatzes. Bildnachweis: NASA/JPL-Caltech. https://www.jpl.nasa.gov/images/slice-of-history-the-first-rocket-motor-firing/
- Missionsseiten von NASA und JPL: Explorer 1, Mariner 2, Voyager 1, Voyager 2, Mars Pathfinder, Ingenuity, Europa Clipper — Daraus: die Datumsangaben zu Starts, Vorbeiflügen, Landungen und Flügen, die Startzeit von Explorer 1 und wie sein Detektor die Strahlungsgürtel aufspürte, der Austritt von Voyager 1 aus der Heliosphäre am 25. August 2012, die 72 Flüge von Ingenuity und dass Radioteleskope (keine optischen) das Signal von Voyager 1 empfangen haben (PIA17047). https://www.jpl.nasa.gov/missions/explorer-1/ https://www.jpl.nasa.gov/images/pia17047-voyager-signal-spotted-by-earth-radio-telescopes/ https://science.nasa.gov/mission/explorer-1/ https://science.nasa.gov/mission/mariner-2/ https://science.nasa.gov/mission/voyager/voyager-1/ https://science.nasa.gov/mission/voyager/voyager-2/ https://science.nasa.gov/mission/mars-pathfinder/ https://science.nasa.gov/mission/mars-2020-perseverance/ingenuity-mars-helicopter/ https://science.nasa.gov/mission/europa-clipper/
- Caltech, Mitteilung an die Hochschulangehörigen zu Entlassungen am JPL (14. Oktober 2025); NBC Los Angeles (6. Februar 2024); ABC7 (13. November 2024) — Daraus: die rund 550 Entlassungen im Oktober 2025 und ihre Begründung mit der Haushaltslage (Caltech) sowie die beiden Entlassungswellen 2024: 530 Beschäftigte im Februar (NBC LA) und etwa 325 im November laut einem Schreiben von Direktorin Laurie Leshin (ABC7). https://hr.caltech.edu/campus-announcements/78146 https://www.nbclosangeles.com/news/local/jpl-plans-to-lay-off-hundreds-of-employees-due-to-lack-of-funding/3332447/ https://abc7.com/post/jpl-pasadena-lay-off-325-employees-5-workforce-amid-budget-cuts/15542972/
- Physics Today, The Deep Space Network at 50 (Dezember 2014) — Daraus: die Anfänge des Deep Space Network mit einer JPL-Antenne in Goldstone, die 1958 an die NASA ging, und die offizielle Gründung des Netzes durch JPL-Direktor William Pickering am 24. Dezember 1963. https://physicstoday.aip.org/features/the-deep-space-network-at-50



